Die Wahrheit war immer eine Tochter der Zeit. 

                                                                               Leonardo da Vinci

                       

 

 

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Der griechische Astronom und Methematiker Aristarchos von Samos (um 310-230) vertrat schon vor unserer Zeitrechnung begründet das heliozentrische Weltbild. Seine Theorie stieß jedoch auf heftige Ablehnung, weil sie die damalige Vorstellungskraft der meisten Menschen überstieg. So verschwand seine Erkenntnis im Schatten der einleuchtenderen Denkmodelle des Claudius Ptolemäus (100-180 v. u. Z.), der am prominenten Ort der berühmten antiken Bibliothek in Alexandria erfolgreich das geozentrische Weltbild lehrte.  


Etwa 1600 Jahre später hat Nikolaus Kopernikus (1473-1543) Aristarchos' revolutionäre naturwissenschaftliche Beobachtungen wiederentdeckt und mit seinen eigenen Berechnungen bestätigen können. Weil ihm bewusst war, dass er sich damit gegen die herrschende Lehre der Kirche stellt, hat er seine Forschungsergebnisse "De Revolutionibus Orbium Coelestium" ("Über die Umschwünge der himmlischen Kreise") erst kurz vor seinem Tode veröffentlicht und dem Papst gewidmet, der das Werk erwartungsgemäß auf die Liste der verbotenen Schriften setzte.

 

Galileo Galilei (1564-1642) fühlte sich als Forscher zu vorgerückter Stunde der wissenschaftlich aufgeklärten Renaissance offenbar sicherer als Kopernikus. Als er jedoch in seinem von Papst Urban in Auftrag gegebenen "Dialog von Galileo Galilei über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische" entgegen der Erwartung des Auftraggebers nur die Weltsicht des Kopernikus bestätigen konnte, muss er realisieren, dass er mit seiner Einschätzung des Aufklärungswillens der amtierenden Machthaber falsch lag. Denn er wurde von der Inquisition gezwungen, seinen Behauptungen abzuschwören und bis zu seinem Lebensende mit einem Entzug der Lehrerlaubnis und Hausarrest bestraft.

 

Fünfzig Jahre danach konnte Isaac Newton  (1643-1727) den endgültigen Beweis für die Gültigkeit des heliozentrischen Welbildes liefern. Mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes erklärt und berechtnet er die Bahnen der Planeten und Monde und veröffentlicht seine Ergebnisse in dem richtungweisenden Werk die "Mathematischen Prinzipien der Naturlehre" (1687).
 

Vom Vatikan aber wurde Kopernikus' Schrift dennoch erst 1822, etwa 2000 Jahre nach der Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes durch Aristiachos von Samos, vom Index genommen.

 

Wer nach der Aufklärung und dem Sturz der europäischen Monarchien glaubte, die deutschen Geisteswissenschaften, insbesondere die hier zur Rede stehende Musikwissenschaft sei dem aristotelischen Ideal einer autonomen, voraussetzungslosen, reinen, wertfreien, neutralen und einzig der Wahrheit verplichteten Forschung sehr nahe gekommen, wurde spätestens durch deren unrühmliche Rolle im 'Dritten Reich' eines Besseren belehrt. Dass ungebrochene personale Kontinuitäten nach 1945 möglich waren, eine kritische Selbstreflexion der Faches aus Opportunitätsgründen mehr als fünfzig Jahre ausblieb, lediglich von wenigen, nicht dem akademischen Wissenschaftsbetrieb entstammenden Forschern (Josef Wulf, Fred K. Prieberg) betrieben wurde, lässt auf einen kapitalen Systemdefekt der deutschen Zunft schließen, die es auch mehr als zwei Jahrzente nach dem Mauerfall nicht geschafft hat, die Einflussgröße Kalter Krieg auf die ästhetischen Konstituierungsprozesse ins Blickfeld ihrer Forschung zu rücken.    

 

Liquidmusicology versteht sich zur Vermeidung weiterer 'Verspätungen' der Disziplin als offene Wissenschaftsplattform und insofern als Katalysator für nonkonformistische kultur- und musikwissenschaftliche Forschung.