© Ulrich J. Blomann

 

 

 

KULTUR UND MUSIK NACH  1 9 4 5
Ästhetik im Zeichen des Kalten Krieges

 

 

 

            die Kunst dem Volke

 

 

 

Die Weimarer Verfassung hat für europäische Verhältnisse vergleichsweise früh nicht nur erstmals das Frauenwahlrecht, sondern in ihrem Artikel 142 auch die Freiheit der Kunst verankert: „Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei. Der Staat gewährt ihnen Schutz und nimmt an ihrer Pflege teil.“ Dass es sich dabei nicht nur um ein Lippenbekenntnis handeln würde, wurde vor allem im Hoheitsgebiet der preußischen Landesregierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun unter Beweis gestellt. Hier bürgten so große Kulturpolitiker wie Konrad Haenisch, Carl Heinrich Becker, Adolf Grimme und nicht zuletzt die Reformlegende Leo Kestenberg für eine Neuorientierung der Künste an den Bedürfnissen breiterer Bevölkerungskreise. Denken wir nur an die bereits vor dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufene Volksbühnenbewegung, deren Leit- und Wahrspruch „Die Kunst dem Volke“ schnell in der Weimarer Republik auch zum Anliegen einer jungen Künstler- und Komponistengeneration avancierte und in der Berliner „Oper am Platz der Republik“, der sogenannten „Krolloper“, auch einen architektonisch sinnfälligen Ausdruck republikanischen Kunstwillens gefunden hat.

 

 


                                                    mögen sie von rechts oder links bekämpft werden

 

 

 

Insbesondere Leo Kestenberg entfaltete  als Musikreferent  in seiner, notabene, von 1918 bis 1932 währenden Amtszeit im preußischen „Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ eine Reformkraft, die zu einer Blüte demokratisch-pluralistischer Musikverhältnisse geführt hat, die bis heute ihresgleichen sucht. So heißt es in seiner programmatischen Denkschrift "Musikerziehung und Musikpflege":

 

 

Vor allem muß das Verständnis dafür geweckt werden, daß die Pflege neuer Musik eine Lebensaufgabe unseres Volkes ist, daß wir unsere führende Stellung im Musikleben [...] nur erhalten können, wenn wir der aufstrebenden Jugend und allen Richtungen gleichmäßig nachgehen, ohne nach Partei und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kunstauffassung zu fragen. [...] Busoni entwickelte seine Ideen in dem "Versuch einer neuen Ästhetik der Tonkunst". Pfitzner schreibt seine "Futuristengefahr" und seine "Ästhetik der musikalischen Impotenz", Schönberg veröffentlicht eine Harmonielehre. Jeder Richtung folgt eine Anhängerschar, die in Wort und Werk für ihre Ideale kämpft. [...] Pflicht der verantwortlichen Musiker ist es, allen Richtungen mit gleicher Liebe nachzugehen, Aufgabe der staatlichen und städtischen Stellen wird es sein, an hervorragende Posten Tondichter zu berufen, die führen und die Entwicklung bestimmen, mögen sie von rechts oder links bekämpft werden. (Kestenberg 1921)

 

 

Dass Kestenbergs Bemühungen von Erfolg gekrönt waren, lässt sich nicht zuletzt an der Äußerung eines jungen Kritikers ablesen, der in kaum noch zu überbietender Begeisterung die Musikverhältnisse seiner Zeit wie folgt beschrieben hatte:

 

Erstaunlich, von wunderbarer Mannigfaltigkeit ist das geistige Gesicht dieser Epoche. Nie war eine Zeit reicher an Problemen, lebendiger in ihrer Phantasie, wechselvoller in den Merkmalen. Die Prototypen der Schaffenden von heute, ihre diametrale Gegensätzlichkeit, in ein homogenes System zu bringen, ist unmöglich. Gefühlsmäßig die Synthese begreiflich; der Intellekt aber ist machtlos. Er vermag hier bestenfalls zu registrieren.(Stuckenschmidt 1926) 

 

 

 

 

                                 In einer Diktatur gehört die Kunst der Partei

                                                                                                                     (Szabo 2004)                                                                                                                             

 

  

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fanden Kestenbergs Reformbemühungen ein jähes Ende, wurde die Weimarer Kunst-Maxime von den „Blut und Boden“ - Ideologen durch eine unheilvolle Adaption dogmatisch pervertiert.

 

Nicht anders war es nach der frühen Phase des sowjetischen Idealismus (Rosen 2003) den Künsten in der Sowjetunion mit den ZK-Beschlüssen vom 23. April 1932 bereits ein Jahr zuvor ergangen. Auf dem "Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller" des Jahres 1934 wird mit der dogmatischen Dekretierung des "Sozialisischen Realismus" zunächst der freien Entfaltung der Literatur der Garaus bereitet, 1936 ereilt die Musik mit der Prawda-'Abmahnung' Dmitrij Schostakowitschs das gleiche Schicksal. 

 

 

  

 

 

                                               Die Heimsuchung des europäischen Geistes.
                                                                                                                  (Klaus Mann)                  

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte in keinem der deutschen Teilstaaten an die demokratisch-pluralistische Weimarer Tradition angeknüpft werden.
 

Denn von der im Zuge des wiederentfachten Kalten Krieges sich bildenden Zwei-Lager-Theorie wurden auch die intellektuellen Eliten in eine vermeintlich unausweichliche Entscheidungs-situation gestellt, die kein pluralistisches Sowohl-Als-Auch zuließ. Entsprechend heißt es bei Klaus Mann in dem kurz vor seinem Freitod verfassten Aufsatz "Die Heimsuchung des europäischen Geistes" resigniert:

 

Während Ost und West sich drohend gegenüberstehen, hält die Schlacht der Ideologien die besten europäischen Köpfe in Bann. Neutralität, Weisheit, Objektivität gelten als Hochverrat. Dem Intellektuellen ziemt es, sich zu entscheiden, sich festzulegen, zu kämpfen, Soldat zu sein.

 

  

 

durch ein entgegengesetztes Extrem

des reinen Ästhetizismus

                                                                           (Stuckenschmidt 1947)

 

 

 

So war nach Alexander Schdanows "Eröffnungsrede auf der Beratung von Vertretern der sowjetischen Musik im ZK der KPdSU" im Januar 1948 und der davon beeinflussten "Zweiten Internationalen Tagung der Komponisten und Musikkritiker" (20.-29. Mai 1948) in Prag  auch in der sowjetischen Zone Deutschlands ein dogmatisch aufgefrischter "Sozialistischer Realismus" für verbindlich erklärt worden. In den Westzonen hingegen wurde mit argwöhnischem Blick auf die ostzonalen Musikverhältnisse nicht minder dogmatisch dem entgegen-gesetzten Extrem des reinen Ästhetizismus das Wort geredet. 

 

Zum "Träger der Kulturwende" (Stuckenschmidt 1947) avancierte im Westen mit publizistischer Rückendeckung von Hans Heinz Stuckenschmidt und Theodor W. Adorno vorübergehend der im Osten als Formalist verpönte Arnold Schönberg, dessen Adept Pierre Boulez ihn aber schon vor seinem Ableben für tot erklärte (Boulez 1951) und stattdessen folgenreich dekretierte, dass jeder Komponist unnütz [...][sei], der sich außerhalb der seriellen Bewegung stelle.

 

 

 

Die Kunstpflege auf allen Gebieten [...] ist eines der Hauptgebiete des kalten Krieges

(Sattler 1950)

 

 

 

Die Entwicklung der westlichen Hemisphäre wäre ohne den 1950 gegründeten und weltweit von Paris aus operierenden "Kongress für kulturelle Freiheit" nicht möglich gewesen. Denn er schuf hierfür mittels opulenter Kunstfeste und -kongresse, aber vor allem der Herausgabe zahlreicher Publikationen das geistige Klima. Als Symbol für die Freiheit der westlichen Welt favorisierte er die vom Osten als formalistisch diffamierte abstrakte Kunst. Als sich Ende der sechziger Jahre allerdings herausstellte, dass die Aktivitäten des Kongresses vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA finanziert wurden, war das Entsetzen der kulturellen Freiheitskämpfer groß.

 

All dies wirft ein kritisches Schlaglicht auf die Entwicklung der sogenannten neuen Ernsten Musik der westlichen Hemisphäre nach 1945, die allem Anschein nach einer naiven Autonomie- und Freiheits-  E i n b i l d u n g erlegen war. Denn die L'art-pour-l'art-Hausse nach dem Zweiten Weltkrieg war offenbar alles andere als die hehre Manifestation des nach der faschistischen Epoche siegreich zu sich selbst zurückgekehrten Weltgeistes (Adorno 1997), sondern nicht mehr und nicht weniger als eine von vielen politisch kalkulierten Funktionen im Kulturkampf West gegen Ost.

Während sich im angelsächsischen Sprachraum die Einflussgröße Kalter Krieg auf die ästhetischen Konstituierungsprozesse der westlichen und östlichen Hemisphäre längst als kulturwissen-schaftliches Arbeitsfeld etabliert hat, werden, wie es scheint, ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall entsprechende Diskurse im einstigen Frontstaat des Kalten Krieges tabuisiert. 
 

Dies ist schon deshalb tragisch, weil nach der durch den Kalten Krieg verursachten folgenreichen Spaltung des ästhetischen Horizonts die kulturelle Identität Deutschlands im Sinne einer an Weimar orientierten pluralistischen Gesamtheit der kulturellen Emanationen bis heute nicht wieder hergestellt wurde, stattdessen aber ästhetische Grabenkriege allenthalben ihre Fortsetzung finden.

 

Es scheint deshalb dringend geboten, dieser offenbar der Verdrängung anheimgefallenen Einflussgröße auf die ästhetischen Konstituierungsprozesse beider deutschen Teilstaaten eine wissenschaftliche Tagung zu widmen.

Insofern bildet der geplante Kongress einen Meilenstein im Bereich der kritischen Kulturwissenschaften im deutschsprachigen Raum. Nicht ohne Grund haben hochkarätige Kultur- und Musikwissenschaftler des In- und Auslandes ihre Teilnahme ohne Zögern zugesagt. (siehe Teilnehmer + Themen)

 

Ulrich J. Blomann

 

 

 

 

 Literaturverzeichnis:

 

Adorno 1997

Der Verfasser nimmt hier Adornos auf das Ende der 1920er Jahre bezogene Diktum vom "Weltgeist, [der] nicht mehr mit dem Geist ist" auf. Vgl. dazu: Theodor W. Adorno: Jene zwanziger Jahre, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 10.2. Hrsg. Rolf Tiedemann und Klaus Schultz, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991, S. 88-97.

  

Boulez 1951

Pierre Boulez: Schönberg ist tot, in: Ders.: Anhaltspunkte - Essays, München: dtv 1979, S. 288-296.

 

Kestenberg 1921

Leo Kestenberg: Musikerziehung und Musikpflege, Leipzig: Quelle & Meyer 1921.

 

Mann

Klaus Mann: Die Heimsuchung des europäischen Geistes, in: Ders.: Die Heimsuchung des europäischen Geistes - Aufsätze, München 1973, S. 115-132, hier: S. 131.

 

Rosen 2004

Peter Rosen: Aram Khatchaturian, Peter Rosen Productions, Ic., 2003, ARD-Adaption 2004, Kommentar.

 

Sattler 1950

Dieter Sattler in einem Brief vom 22. Dezember 1950 an Hans Ehard, Institut für Zeitgeschichte (München), Signatur: ED 145/14.

 

Stuckenschmidt 1926

Hans Heinz Stuckenschmidt: Josef Matthias Hauer, in: Das Kunstblatt, 10. Jg. (1926), S. 73-76, hier: S. 73.

 

Stuckenschmidt 1947

Hans Heinz Stuckenschmidt: Maßstäbe, in: Stimmen 1, 1947, H. 1, S. 12-15.